Dass Politik kein Wunschkonzert ist, sondern aus Prozessen, Kompromissen und gelegentlichen Misserfolgen besteht, wurde beim mittlerweile schon fünften ASS-Talk deutlich, der am 21. März zwischen der SPD-Bundestagsabgeordneten Esther Dilcher und dem Moderator Burkhard Rabe von Pappenheim stattfand.
Bundestagswahl
Eine Art inhaltliche Klammer bildete während des Gesprächs die jüngste Bundestagswahl, bei der es seinem Eindruck nach keine Themen, sondern nur Migranten und Personen gegeben habe, so der Moderator. Er knüpfte daran die Frage, ob in Deutschland nur noch Stimmungswahlen möglich seien und welche Perspektiven unsere Demokratie vor diesem Hintergrund habe.

Esther Dilcher verwies auf die Rolle der Social Media, die zum einen die Linke sehr geschickt genutzt habe, um junge Wähler anzusprechen; gleichzeitig äußerte sie leise Kritik an der Onlinepräsenz ihrer eigenen Partei. Als ein Kernproblem benannte sie die Emotionalisierung des Wahlkampfes, die vor allem die AfD betrieben und für sich ausgenutzt habe. Daher solle die Politik dort ansetzen, die Leute emotional abholen und gegen die negative Meinungsmache auf die vielen positiven Dinge hinweisen.
In diesem Zusammenhang wies sie auf das Angebot von Podiumsdiskussionen mit Parteivertretern hin, das Schulen vor den Wahlen in Anspruch nehmen könnten.

Bildung und Biographisches
Die SPD-Politikerin erzählte, dass sie erst spät in die Partei eingetreten sei, was sie vor allem deswegen bedaure, weil ihr dadurch die Sturm-und-Drang-Zeit bei den Jusos entgangen sei.
In der Schule sei Politik nicht ihr Anliegen gewesen und sie habe sich nicht vorstellen können, einmal im Bundestag zu sitzen. Dennoch habe sie an der ASS einiges für ihre politische Tätigkeit gelernt, wie etwa für ihre Haltung einzustehen oder sich Dinge zuzutrauen. Sie sei nicht nur wegen der dort gelebten Gemeinschaft gerne in die Schule gegangen, ihre Lehrer hätten sie auch oft dazu angehalten, sich selber Gedanken zu machen und Dinge eigenständig zu entwickeln. Daher plädiere sie für eine Schulbildung, die jungen Menschen nicht nur bloße Inhalte einpaukt, sondern ihnen Werte vermittelt und Fähigkeiten beibringt, die sie tatsächlich für ihr Leben in der Gesellschaft und im Berufsleben nutzen können.
Berlin
Ihre Arbeit im Bundestag bereite ihr viel Freude, sei es als Schriftführerin im Bundestagspräsidium oder als Mitglied im Haushaltsausschuss, dem sie auch in ihrer dritten Legislaturperiode, die am 25. März beginnt, gerne wieder angehören würde.
Die Gespräche und Verhandlungen mit den anderen Parteien seien zwar nicht immer angenehm, aber mit den meisten könne man sich hinterher auch wieder vertragen. Eine große Rolle spiele dabei auch die sogenannte Papierkneipe, das Ausschusssekretariat, wo man nach den Sitzungen für Gespräche und Getränke zusammentreffe.
Ein noch größeres Gemeinschaftserlebnis bildet die Spargelfahrt, die der – von Esther Dilcher als pragmatisch titulierte – Seeheimer Kreis in der SPD einmal jährlich auf dem Wannsee durchführt und an der auch die Spitzen der Partei teilnehmen.
Burkhard Rabe von Pappenheim wollte schließlich noch wissen, wie es mit der Demokratie weitergehe und was Esther Dilcher sich für die nächste Legislaturperiode erhoffe. Sie betonte, dass unsere Demokratie eine weltweit seltene Regierungsform sei und nicht zuletzt wegen der großen Rolle der Social Media im Wandel begriffen sei. Entscheidend sei die Frage, wie Nachrichten und Werte vermittelt werden, und dafür zu sorgen, dass die nächste Regierung vier Jahre halte und nicht wieder ständiger Streit herrsche. Ihr größter Wunsch sei es daher, die Menschen wieder mitnehmen und ihnen wieder vertrauen zu können, statt alles mit Vorschriften zu belegen. Sie möchte mehr Handlungsspielräume eröffnen und den Wählerinnen und Wählern mehr Eigenverantwortung zutrauen; dabei spiele auch die Hoffnung eine Rolle, dass das auch die AfD wieder weniger attraktiv machen könne, denn diese werde nicht selbst bei einem Verbot nicht einfach wieder verschwinden.
Anschließend stellte Esther Dilcher sich noch den Fragen der Zuschauer, bevor ein interessanter Abend zuendeging. Wir bedanken uns ganz herzlich bei unseren Gästen sowie beim Kulturforum Hofgeismar und bei unserem Förderverein, die durch Christel Frank und Michael Störmer (in Personalunion) vertreten waren und gemeinsam mit dem neuen Schulleiter Tim Sauerwein den Abend eröffnet hatten.
